Gisela Elsner und die Kommunisten

Für Hans Heinz Holz
und Silvia Holz-Markun

Für einen Kommunisten ist Ohnmacht
die niederträchtigste Erfahrung.

Christian Geissler

Eine Zeit lang wurden die Romane und Erzählungen Gisela Elsners von keinem bürgerlichen Feuilleton übersehen. Kaum eine Buchbesprechung, kaum ein Artikel über ihre Arbeit kam in den Bürgerzeitungen ohne, meist abschätzige Bemerkungen über ihr Aussehen, ihre Frisur, ihre Kleidung, ihr Make-up aus. Meist dienten die Auslassungen zur Klassifizierung der Autorin als exaltiert, Aufsehen erheischend, überspannt oder eben: etwas verrückt. Diese Methode diente selbstverständlich dazu, das Ansehen von Werk und Person zu beschädigen. In der Rezeption des elsnerschen Werkes ist über die Jahrzehnte eine Wandlung festzustellen. War sie zunächst eine ernst zu nehmende Autorin mit beachtlichem Erstlingswerk („Die Riesenzwerge“) und extravagantem Auftreten so erfolgte alsbald eine Umkehrung und sie wurde mehr und mehr zu einer leicht durchgedrehten Diva und Möchtegernschriftstellerin gemacht.
Man schrieb vielfach lieber über ihr Aussehen als über ihre Arbeit – wohl weil es weit weniger Verstand dazu brauchte.
Die bürgerliche Kritik zählte selbstverständlich auch die politischen Ansichten der Autorin zu deren Verrücktheiten. Man ersparte sich auf diese Weise jede Auseinandersetzung mit den politischen Positionierungen. Diese Feststellung gilt für die gesamte Schaffensperiode, insbesondere aber für die Zeit nach Elsners Eintritt in die Kommunistische Partei.

Mit diesem Band liegt nun erstmals eine weitgehende Auswahl der politischen Schriften Gisela Elsners vor. Damit wird es möglich sich mit den politischen Sichtweisen, den Positionen und Einschätzungen der Autorin auseinander zusetzen.
Erstmals werden mit diesem Band in der Werkausgabe des Verbrecher-Verlages auch Positionen, Reden und Briefe, aus Elsners Arbeit in der Kommunistischen Partei, die sich insbesondere mit der Auseinandersetzung zweier Fraktionen innerhalb der Partei in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre beschäftigen, der interessierten Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht.

Gisela Elsner trat 1977 in die Kommunistische Partei ein. In den 1970er Jahren war das für ihresgleichen keine Besonderheit. Eine große Zahl von Menschen aus der künstlerischen oder wissenschaftlichen Intelligenz entschieden sich im Verlauf dieses Jahrzehnts für ein Engagement in oder an der Seite der DKP. Diese Erscheinung war eine Folge der offensichtlichen Veränderungen im internationalen Kräfteverhältnis. Bis Ende der 70er Jahre gab es eine Reihe vernünftiger Gründe, anzunehmen, dass sich die weltweiten Auseinandersetzungen zwischen dem sozialistischen und imperialistischen Lager zugunsten des ersteren entwickeln werden. Die ökonomischen, politischen und militärischen Krisenerscheinungen des Kapitalismus waren unübersehbar. Die Sowjetunion hatte den entscheidenden Beitrag zum militärischen Sieg über den deutschen Faschismus geleistet. Ein Drittel der Erde war rot. Immer mehr Ländern in Asien, Afrika und Lateinamerika befreiten sich in antikolonialen, dem Sozialismus nicht abgeneigten Revolutionen aus dem direkten Zugriff des Imperialismus und seiner führenden Macht, der USA. Es gab augenscheinlich wenig Gründe für kritische Schriftsteller, Künstler, Hochschullehrer und andere sich für den Westen zu engagieren. Der führte Krieg in Vietnam und unterlag nicht nur dort der Befreiungsbewegung, unterstütze die Apartheid in Südafrika oder den Faschismus in Chile. Wer sich nicht nur oberflächlich mit den politischen Entwicklungen und Klassenverhältnissen beschäftigte, begab sich (oder geriet) schnell in die Nähe der Kommunisten.
Innenpolitisch hatte man die Erfahrung zunächst mit der großen und dann mit der sozialliberalen Koalition gemacht. Willy Brandt war mit der Parole „Mehr Demokratie wagen“ an die Macht gekommen und führte die Berufsverbote für Kommunisten ein. Außer in den bis Mitte der 70er Jahre faschistisch regierten Ländern Spanien und Portugal war europaweit nur in der BRD die Kommunistische Partei verboten. Die DKP konstituierte sich 1968 zwar neu – das Verbot der KPD und damit die permanente Drohung mit erneuter Verfolgung bestanden fort. Insgesamt setzte sich die Erkenntnis durch, dass der Staat in seinen wesentlichen Apparaten von den alten Nazifunktionsträgern gegründet, aufgebaut und geprägt worden war. Die Rebellion der studentischen und Arbeiterjugend Ende der 60er Jahre hatte zudem einen Blick hinter die Fassaden der Verhältnisse ermöglicht. Kurzum: der Zustand des imperialistischen Westens war für viele erkennbar marode.

Die Kommunistische Partei zählte bis in die zweite Hälfte der 80er Jahre mehr als 50.000 Mitglieder und war, auch dank der Unterstützung aus den sozialistischen Ländern, solide aufgestellt. Unter den Mitgliedern waren – trotz Berufsverboten und stramm antikommunistischer Prägung der Gesellschaft – etliche Hundert Intellektuelle, Schriftsteller, Theaterleute, bildende Künstler, Musiker, Professoren, Wissenschaftler und Akademiker.
Eine von Ihnen war Gisela Elsner. Das allein wäre nicht der Rede wert wenn es nicht schon sehr bald, nämlich Ende der 80er Jahre vollkommen anders ausgesehen hätte. Als der Kommunismus seine vorläufige Niederlage erlitten hatte, waren von den hunderten Intellektuellen und Künstlern in der Partei nur noch eine Handvoll übrig geblieben.
Eine von ihnen war Gisela Elsner.
Ein unübersehbarer Fakt, der Auskunft über ihr Verständnis von Konsequenz und Verfolgung des einmal als richtig erkannten Handelns gibt.

Elsner selbst war es, die stets einen direkten und geradezu zwingend logischen Zusammenhang zwischen ihrer sozialen Herkunft und ihrer politischen Positionierung herstellte. Nach ihren eigenen Auskünften war sie stets stolz auf ihren Verrat der alten Klasse. Sie nannte sich ein Kuckucksei, das die Bourgeoisie sich ins Nest hat legen lassen.
In Gesprächen oder Interviews schilderte sie die Verhältnisse ihres Elternhauses mit der gleichen Akribie und satirisch-realistischen Zuspitzung, mit der sie stets das Personal ihrer Romane und Erzählungen vorstellte.
„Ich habe … eine ziemlich genaue Kenntnis, des Kleinbürgertums bis zum Großbürgertun weil in meinem Elternhaus gerade dieser Sprung vollzogen worden ist.“ Sie „verbrachte den Vormittag (in der Nonnenschule; MM) mit Leuten, die überaus stark vom Katholizismus infiziert waren und den Nachmittag und Abend bis zum Schlafen gehen mit Leuten, die vom Kapitalismus stark infiziert waren, d.h. mit Industriellen, den Freunden und Bekannten oder Kollegen meiner Eltern“. 1
Elsner wuchs in einem „sozialen Umfeld von Emporkömmlingen“ (Elsner) auf. Der Vater, der in den 1930er Jahren als Werkstudent seine berufliche Karriere begann, wurde später Leiter einer Entwicklungsabteilung, Prokurist, Bevollmächtigter und dann Direktor eines Siemens-Werkes. Die Familie war tatsächlich die Inkarnation des so genannten Wirtschaftswunders und das soziale Umfeld, das umgebende Millieu ein Abbild der offensiven Propaganda der fünfziger und sechziger Jahre und der rechten Regierungen unter Adenauer und Erhard. Eine Versammlung der Gewinner und Nutznießer der gesellschaftlichen Verhältnisse der frühen BRD.
„Die Angst, dahin zurückgestoßen zu werden, wo man herkommt, macht die Maßregelungen unter den Aufsteigern so rigoros.“ 2
Gisela Elsner nutzte die erste Gelegenheit das Elternhaus zu verlassen, studierte in Wien, lebte später u.a. in Rom, London und Hamburg. „Während dieser Zeit (1963/64; MM) lernte ich erstmals Kommunisten kennen und durch die Gespräche mit ihnen und die Lektüre von Marx und Engels, die es in Rom in DDR-Ausgaben zu kaufen gab, begriff ich endlich, warum mich nicht einmal meines Vaters Bewunderung für Adenauer in die Arme der Sozialdemokraten hatte treiben können. Sich irgendwo zwischen den Klassen einzurichten, das ist für jemanden meiner Herkunft nicht möglich. Entweder bleibt man in dem Stall, in dem man geboren wurde, oder man schlägt sich auf die andere Seite. Die italienischen Kommunisten und die Lektüre von Marx, Engels und Lenin machten mir klar, daß es nicht darum ging, bürgerliche Statussymbole zu zerstören, sondern die Eigentumsverhältnisse zu verändern.“ 3 Gisela Elsner studierte immer wieder verschiedene marxistische Schriften. Insbesondere Lenin hatte es ihr angetan; sie nannte sich stolz eine Leninistin. „Was ich bei Engels und Lenin las, verschaffte meiner zuvor unpräzisen Anklage der bürgerlichen Gesellschaft eine Grundlage.“ 4

Die Elsner war zu keiner Zeit eine klassische Vertreterin des sozialistischen Realismus. In ihren Romanen und Erzählungen arbeitete sie nicht mit den positiven Helden, die dem Leser Identifikationsmöglichkeit geboten hätten. Ihr Hauptwerkzeug war die Negation. In dem sie die gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer vernichtenden Wirkung darstellte, war den Lesern zwar Anlass und Gelegenheit geboten über eine gründliche Veränderung der Verhältnisse nachzudenken.
Das dialektische Prinzip von der Negation der Negation gefiel Elsner sehr.
Eine Ausnahme bildet der 1982 erschienene Roman „Abseits“. Hier erlaubt sie sich erstmals auf die satirische Brechung der Realität weitgehend zu verzichten. Später hat sie selbst „ihren Bredel“ 5, wie sie „Abseits“ kennzeichnete, als ihr nicht gelungen eingestuft, wenngleich es zu ihren meistverkauften Büchern zählt.
In den meisten ihrer Romane ist es ihr überzeugend gelungen, den Gewaltcharakter der gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie richtig in den ökonomischen Verhältnissen wurzelnd erkannt hatte, darzustellen. Deswegen – unter anderem – gehört Elsners Werk fraglos zum Besten der realistischen Literatur der BRD. Ihre außergewöhnliche Fähigkeit zu Satire zeichnet sie aus. Sie war in der Lage die Verhältnisse „vollkommen neutral und unbewertet von irgendwelchen moralischen Grundsätzen“ 6 zu beschreiben.
Die etwas monotone Haltung der Literaturkritik versuchte die Elsner stets auf die „Anti-Spießerin“ zu reduzieren. Eine grobe Ungenauigkeit, wie Elsner selbst erklärt. Daher „… möchte ich mich wehren gegen den Begriff ‘Spießertum’ oder ‘Spießerherrlichkeit’ weil Spießer sozial kein festgelegter Begriff ist und jeder, der sagt: ‘Spießer’, der meint eben immer die anderen. Dem Begriff ‘Spießbürgertum’ wohnt eine Ungenauigkeit inne, die ich eigentlich ablehnen möchte obwohl ich immer wieder darauf festgenagelt werde.“ 7

Zur Arbeit der Kommunistischen Partei im Wirtschaftswunderland BRD gehörte es, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, auf welche Weise den Arbeitern gesagt werden kann, dass Wirtschaftswunderdenken, vermögenswirksames Sparen, soziale Marktwirtschaft, Arbeitnehmerbeteiligungen an Aktienbesitz und „Wohlstand für alle“ bloß Parolen sind, die sie vom Erkennen der wirklichen Verhältnisse abhalten sollen. Bis 1989 ist die Sozialgeschichte und -politik der BRD in der Tat durchgehend von diesen Teilhabephantasien tief geprägt und das Bewusstsein vom Klassenwiderspruch weitgehend eliminiert. Die Elsner erkannte in den verschiedenen Kampagnen zur Festigung dieser Ideologie ein wesentliches Herrschaftsinstrument. In ihrem Roman „Das Windei“ (1987) führt sie den Alltag derer vor, die den Versprechungen vom „Wohlstand für alle“ Glauben schenkten, sich einer Reihenhaushälfte wegen in existenzielle Abhängigkeit der Bank begeben und alle Energie darauf verwenden müssen, den schönen Schein den Kollegen, Nachbarn und Bekannten gegenüber aufrecht zu erhalten während sie in Wirklichkeit jeden Groschen zur Tilgung der Bankschulden vom Munde absparen müssen. In solchen Verhältnissen wächst kein Bewusstsein über die eigene Lage sondern einzig die Kunst der Anpassung, der Unterwerfung und der sich stets wiederholenden eigenen Demütigung. Mit der offensiven Propaganda der Aufsteiger- und Teilhabementalitäten beschäftigte Elsner sich auch in dem Roman „Otto der Großaktionär“. Hier wählt sie eine proletarische Hauptfigur, einen Chemiearbeiter in einer Schädlingsbekämpfungsmittelfabrik, der sich im Verlauf des Romans bis zum wahnhaften Ausmaß in die ihm dargeboten Phantasien und verzweifelte Hoffnungen steigert, durch den kleinen Besitz von „Volksaktien“ an „seinem“ Betrieb mit dem eigentlichen und wahren Fabrikbesitzer vergleichbar zu sein und mit jenem in einem Boot zu sitzen. Elsner hat diesen Roman mehrfach bearbeitet aber selbst nicht veröffentlicht. Sie hielt ihn für nicht gelungen. Dankenswerterweise veröffentlichte Christine Künzel den Text aus dem Nachlass der Autorin (2008).

Gisela Elsner hatte als 14-jährige den Klassenwiderspruch ebenso unmittelbar wie interessiert zur Kenntnis genommen „… als mich der Chauffeur meines Vaters mit dem Siemens-Mercedes aufs Werksgelände brachte, riefen mir die Arbeiter zu: ‘Na, du blöde Sau.’ Ich dachte darüber nach, warum mich jemand, der mich doch gar nicht kannte, so bezeichnete und begriff, daß ich allein deshalb eine ‘blöde Sau’ genannt worden war, weil ich im Mercedes des Direktors saß.“ 8
Später dachte sie genauer über dieses Verhältnis nach und schrieb Erzählungen wie „Herr Leiselheimer“ (1973) und Romane wie „Der Punktsieg“ (1977). Hier setzte sie sich mit der Arbeitswelt auseinander, beschrieb Herrschaftsmethoden und Anpassungsrituale in der von ihr gewohnten satirisch-präzisen Art. Besonderes Augenmerk richtete Elsner stets auf die sozialdemokratischen Varianten von Herrschaft und Macht, die wesentlich in den oben beschriebenen Teilhabeideologien ihren Ausdruck fanden. Der Sozialdemokratismus war, in der Rangfolge direkt nach der Bourgeoisie selbst, Elsners Lieblingsfeind. Scheinbar zwischen den Klassen stehend und den Ausgebeuteten die Illusionen ebenso wie die Anpassungsmodalitäten verkaufend, erkannte sie darin eine wesentliche Stütze bürgerlicher Macht. Sozialdemokratismus ist Kapitalismus mit Girlanden lehrte später der kommunistische Marburger Universitätsprofessor Georg Fülberth – Gisela Elsner hat mit einigen ihrer Romane und Erzählungen die ein oder andere Girlande abgehängt oder ihrer beschönigenden Wirkung beraubt.

Fussnoten:

  1. unsere Zeit, Zeitung der DKP, 19.09.1987
  2. Fremde Mütter, fremde Väter, Fremdes Land, Gespräch mit Matthias Altenburg, Konkret Literatur Verlag, Hamburg, 1985; S.139
  3. ebd. S. 144
  4. ebd. S. 146
  5. Willi Bredel (1901 – 1964) gelernter Eisen- und Metalldreher, Schriftsteller und Vertreter des sozialistischen Realismus, Präsident der Akademie der Künste der DDR
  6. Giesela Elsner in „Zerreißproben“, Radiofeature von Annette Schneider, Deutschland Radio, Berlin
  7. ebd.
  8. Fremde Mütter, … S. 136
Seiten: 1 2